Normalerweise ist Edward St. Aubin ein Schriftsteller, der ? millionenfach gedruckt ? das Banale grandios skizziert. Der 51 Jahre alte Brite, geboren in einer der wohl bekanntesten und einflussreichsten Familien des englischen Hochadels, beschreibt nicht nur grazil und facettenreich genau jenes Milieu ? sondern er verknüpft das mit scharfzüngigen Analyse, schreibt mit Witz und Esprit über jene, die ihn umgeben. Aber dann ist da noch jener Edward Sr. Aubyn, der selbst verletzlich ist, der selbst das Dunkle und Böse kennengelernt ist. Denn Aubyn ist über Jahre vom eigenen Vater sexuell missbraucht und erniedrigt worden ? ein Martyrium, das erst endete, als der Vater starb.
Während die meisten damit nicht umgehen können und über Jahrzehnte regelrecht traumatisiert die Verletzungen in sich tragen, gehört Aubyn zu jenen, die dieses Schicksal öffentlich machen. Nun ist das nicht jedem gegeben, sondern Aubyn hat mit der Literatur zweifellos eine Alternative für sich entdeckt. Die ist für ihn jedoch wie eine doppelte Befreiung. Er schreibt, weil er die Leser teilhaben lassen will an den Eskapaden und geheuchelten Moralvorstellungen einer angeblichen Wertegesellschaft. Er schreibt aber auch, weil er damit die eigene Geschichte aufarbeitet. Wie grenzwertig dabei die Erfahrungen des Existenziellen sind, wird deutlich, wenn Aubyn berichtet, wie ihn sein Vater mit dem Tod bedrohte ? für den Fall, dass er jemals über diesen Missbrauch rede sollte. Also schwieg er und sah sich selbst in selbst einem ?realen krieg mit dieser Person?. Als der Vater starb, war Aubyn 25 ? und er konnte sich frei machen, konnte in den unterschiedlichen Genres arbeiten.
Mag sein, dass es diese Verletzungen sind, die die Authentizität seiner Bücher erzeugen. Aber mit Sicherheit ist es auch ein brillantes handwerkliches Geschick. Denn der preisgekrönte Autor hat sich zwar befreit – von sich selbst sagt er jedoch, dass er diese Freiheit nie vollständig werde genießen können. Zu tief sind die Narben, die nicht verheilen mögen.

