2012 wird es so ziemlich ums Ganze gehen. Das Jahr wird wie das alte etwas unordentlich werden.
Aber warum wollen Menschen eigentlich die Welt lieber wohl geordnet als chaotisch?
Ist das, was die Menschen als Ordnung bezeichnen, denn wirklich das Erstrebenswerte?
Wenn sich die Ordnung des Kapitalismus nun plötzlich in lauter Trug, Gewimmel und Gezerre auflöste, wenn stabilste Diktaturen zerfielen und alle Lebensversicherungen sich als Wetten auf Spielgeld erwiesen – was dann?
Neuerdings lässt sich die Unordentlichkeit, die in der Gesellschaft regiert, kaum übersehen. Und dennoch ist alles in Ordnung. Alles ist in der Ordnung, die es braucht. Diese Ordnung ist nicht gleich und sicher auch nie ganz durchschauen und erscheint uns deswegen als Unordnung. Aber es ist eine Ordnung.
Der Historiker Golo Mann schrieb einmal über das Wohlgefallen an der Ordnung, die aber kaum denkbar sei ohne zugleich eine gewisse Lust, diese zu brechen. Wirklich unordentlich solle es aber lieber nicht sein, wenigstens nicht auf Dauer. Der Leitspruch auf der Flagge Brasiliens heißt: “Ordnung soll sein, nur kein Stillstand.”
Nach den mythischen Anfängen war die Erde “wüst und leer”. Dann traf Gott die großen Unterscheidungen zwischen Licht und Dunkel, Himmel und Erde, Morgen und Abend, Land und Meer, Pflanzen und Getier. Er schuf den Menschen als Mann und als Weib.
Das geordnete Ganze hat auch später Wissenschaftler, Philosophen, Ingenieure und Künstler verzweifeln lassen. Wie sollen sie forschen und bauen, ohne etwas in Unordnung zu bringen?
Die Genesis, die wohl an die dreitausend Jahre alt ist, meint aber wirklich das Ganze, das Universum, nicht die Ordnungen in ihm. In allen künftigen einzelnen Ordnungen entwickelt sich immer zugleich auch die Sprengkraft für die Umwandlung, die Revolution, die Reformierung.
Hesiod, Heraklit, Anaximander Demokrit, Empedokles, der römische Dichter Lukrez haben sich mit den Fragen der Ordnung der Welt befasst. Und viele Philosophen, Dichter und Denker tun es weiterhin.
Nietzsche begreift das Chaos als die Quelle der Kreativität und neuen Schöpfung der Welt.
Mal sehen, was uns das neue Jahr so an ?Unordnung? bringen wird.

